Jungpferdetraining

Ein junges Pferd zum Reitpferd zu erziehen, ist eine sehr große Herausforderung, der ich mich aber gerne stellte, auch wenn ich damals bei Halan noch keinerlei Erfahrung damit hatte. Bekanntlich wächst man ja mit seinen Aufgaben.

Als Halan bei mir ankam, frisch kastriert, noch mit teils offenen Narben, war er praktisch gesehen roh. Man konnte ihn am Halfter führen und anbinden sowie seine Hufe säubern und ausschneiden. Das war schon sehr viel. Die Probleme kamen später erst und waren – vom heutigen Standpunkt aus – hausgemacht.

Noch beim Züchtern hatte ich den jungen Araber ein paar Runden um die Wiesen geführt. Dabei zeigte er sich sehr brav und willig. Nur bei mir am Stall ging dann etwas schief, das uns die nächsten Jahre weiterhin Kummer und Sorgen machen sollte: erst einmal verletzte Halan sich schon in den ersten Tagen auf der Weide dort, eine tiefe Wunde am Vorderbein, vielleicht von einem Tritt, das habe ich nicht heraus gefunden. An Arbeit war die nächsten Wochen nicht zu denken. Die Wunde heilte schlecht, da sie an einer sehr ungünstigen Stelle, vorne auf dem Knochen saß und immer wieder aufplatzte. Sie hatte auch nicht mehr genäht werden können, denn als der Tierarzt sich die Verletzung ansah, sagte er , sie sei schon zu alt zum Nähen.

Die Wunde heilte irgendwann und ich konnte anfangen mit dem Spazierengehen. Und da geschah das Malheur: Halan erschreckte sich vor einem Auto und sprang neben mir fast in den Straßengraben. An sich kein ungewöhnliches Ereignis, aber für mich war es prägend: fortan war ich an Straßen übervorsichtig und mied eigentlich den Verkehr.

Halan war in einer sehr verkehrsarmen Gegend aufgewachsen, Traktoren und Landmaschinen kannte er nicht. Da der Stall auf einem Landwirtschaftsbetrieb liegt, musste er zwangsläufig mit all den Krachmachern und unheimlichen mechanischen Dingen konfrontiert werden. All das machte ihm Angst – und ich bekam Angst vor seiner Angst. Das war schlecht.

Denn später beim Reiten musste ich immer dem Verkehr ausweichen oder absteigen, wenn ein größeres Fahrzeug kam. Das war ich aber selbst schuld. Ich war einfach zu ängstlich und die Angst übertrug sich auf das junge Pferd, das dann nicht genug Selbstvertrauen hatte und dem die Führung fehlte.

Selbst einfache Pkw, wenn sie von vorne kamen, beunruhigten mich. Halan sprang öfter mal zur Seite, und um Gullideckel und dunkle Pfützen auf dem Boden machte er einen großen Bogen. Wenn man im Gelände auf gerader Strecke galoppierte, musste man immer mit Hakenschlagen rechnen. Vor allem bei dunklen Stellen auf dem Boden. Durch Wassergräben bekam ich Halan nur mit großer Überredungskraft und meist sprang er darüber.

Erst im Alter, nach vielen Ausritten als Handpferd, war er so gelassen, wie ich es immer gewünscht hatte: neben der Stute lief er souverän sogar an Mähdreschern vorbei ohne mit dem Ohr zu zucken. Erst aber dem Alter von ungefähr 10 Jahren – und durch die Hilfe einer unerschrockenen Reitbeteiligung! – wurde er gelassener im Umgang mit dem Verkehr. Trotzdem habe ich mit ihm schöne lange Ausritte gemacht und die Umgebung des Stalls erkundet. Als ich mir dann doch einen Hänger gekauft habe – den ich jedoch selten nutzte und der dann wegen der Nichtbenutzung durchfaulte – bin ich sogar ein paar Mal zum Reiten in eine andere Gegend gefahren, unter anderem auch in den Wald des Verleihstalls, dort gibt es wunderbare Sandwege.

Dem armen Halan habe ich in seinen ersten Jahren viel zugemutet. Oft war ich genervt und ungeduldig, es gab – ja leider – auch schon mal Klatscher mit Zügeln und Führstrick auf den Hals, wenn er sich gegen eine ihm unverständliche Maßnahme meinerseits sträubte. Es tut mir unendlich leid. Ich war einfach zu unerfahren. Wie alle sensiblen Pferde konnte Halan mit zuviel Druck nicht umgehen, er wollte gefragt und nicht bedrängt werden.

Ich habe ihm dann später – als ich wegen Schwangerschaft und Kleinkind nicht mehr die Zeit fürs Reiten hatte – viele verschiedenen Fremdreiter zugemutet. Darunter auch ein Pseudo-Westernreiter, der ihn sogar einmal zu einem Westernturnier meldete. Danach wollte Halan nicht mehr in einen Hänger einsteigen. Ich habe den anderen Leuten und ihrer Kompetenz vertraut, aber heute würde ich ein junges Pferd nicht mehr aus der Hand geben und Reitbeteiligungen schau ich mir genau an.

Irgendwann fing Halan dann an sich zu wehren. Einmal ging er durch im Galopp mit einer Stallkollegin, die ihn damals hin und wieder ritt und einmal mit mir. Das war ganz schlimm, weil er in seiner kopflosen Panik durch mehrere Weidedrähte lief und sich die Hinterbeide zerschnitt. Ich fürchtete in dem Moment wirklich um mein Leben, weil ich dachte, er läuft gegen die geparkten PKW und die Hauswände. Aber die Leute vom Stall konnten ihn bremsen. Er blutete stark an den Hinterbeinen, doch es war keine Sehne betroffen und die Wunden heilten wieder. Danach kam für mich keine Reitbeteiligung auf ihm mehr in Frage und ich wechselte auch das Stangengebiss, das so hochgepriesen wurde zur Ausbildung junger Pferde( man nennt es auch LTJ-Gebiss, nach Linda Tellington-Jones, die es in ihrer Methode enmpfiehlt). Er hatte es ohne hin nicht gemocht, hatte sich immer einen Schenkel davon ins Maul gezogen, wahrscheinlich tat es mit seiner hohen Zungenfreiheit ihm im Maul weh. Ich benutzte danach erst ein Greg Darnell Gebisss und am Schluss nur eine einfaches doppelt gebrochenes Snafflebit.

Nicht alles, was in Büchern steht, ist auch hilfreich. Es kommt immer auf die jeweilige individuelle Situation an. Das habe ich daraus gelernt.

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